José Eduardo Agualusa
Barroco Tropical


A1 Verlag, München 2011
Gebunden, 336 Seiten, 22,80 EUR

Rezension von Regina Riepe

Eine Odyssee durch das Leben in Luanda

Eine Frau, die vom Himmel fällt, tanzende schwarze Engel, ein Hochhaus, das Termitenbau genannt wird und in dessen unterirdischen Geschossen der Abschaum der Stadt untergekrochen ist während im 48igsten Stock die Wohlhabenden den Blick genießen – all das sind mehr als Metaphern, es sind reale Geschehnisse in diesem Moloch von Stadt. Wer in Luanda lebt, muss sich von seinem gesunden Menschenverstand verabschieden. Bartholomeu Falcato ist Schriftsteller, Geliebter der bekannten Sängerin Kianda und Hauptperson der Geschehnisse, die den Leser in einen verwirrenden Strudel von Ereignissen hineinziehen. Es geht um politische Machenschaften in einer Gesellschaft von skrupellosen Profiteuren, genauso wie um Liebe, Gewalt und Eifersucht.

„Man merkt erst, dass man in einer Diktatur lebt, wenn die eigene Meinung mit der kollidiert, die an der Macht ist.“ Diese Erkenntnis trifft Falcato, als er die Gedichte des verehrten angolanischen Staatsgründers Agostinho Neto als mittelmäßig kritisiert. Eine Zäsur in seinem Leben. Ein eigentlich unbedeutender Zeitungsartikel führt dazu, dass sich die Wut der staatlich gesteuerten „öffentlichen Meinung“ über ihm entlädt. So begegnet er der alles beherrschenden ANGST nach anonymen nächtlichen Drohungen per Telefon und seltsamen Verfolgern. Es muss gar nicht zu konkreter Gewalt kommen, die ANGST macht ein normales Leben unmöglich. Auch wenn diese Erfahrung Jahre her ist, so hat sie bei Falcato Spuren hinterlassen. Angola wird nach dem Bürgerkrieg von Profiteuren und Geschäftemachern beherrscht, die die Politik und das öffentliche Leben bestimmen. Wenn es nützt, werden angebliche afrikanische Traditionen heraufbeschworen, ein traditioneller Heiler schaltet in seiner Klinik unliebsame Oppositionelle und überflüssige Ehefrauen aus, Kinder werden als Hexen verbrannt und die Geschichten über alte Mythen und Zaubermittel geistern durch Gespräche. In Wirklichkeit geht es um Macht und Intrigen, im reichen Angola ist viel Geld zu verdienen. Leidtragende sind nicht nur die Armen der Gesellschaft, Kriegsopfer und überflüssigen Kinder, sondern auch Frauen wie Kianda, die als berühmte Sängerin den Kontakt zu ihrem Leben verliert. Und die schöne Nubia, ehemalige Miss Angola, die als Prostituierte zu viele Geheimnisse der Mächtigen erfährt und eines Tages vom Himmel fällt, aus einem Hubschrauber hinausgeworfen, vor die Füße von Bartolomeu und Kianda.

Dieser Roman nimmt den Leser mit auf eine Odyssee durch die Abgründe Luandas, verwirrt durch vermeintliche Trugbilder von schwarzen Engeln und die Begegnung mit seltsamen Gestalten. Wie ein üppiges barockes Bild nimmt das Leben in Angola beim Lesen Gestalt an, politische Intrigen und persönliche Schicksale, Tragik, Liebe und Sehnsüchte gehören dazu genauso wie Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Ein faszinierendes Buch für diejenigen, die sich auf die Hintergründigkeit des Lebens im modernen Afrika einlassen möchten.